Kann man mit Youtube zaubern lernen?

Die Antwort ist einfach: Nein. 

Leider nicht. Leider, weil Youtube natürlich das Medium schlecht hin ist wo junge Menschen nach Anleitung suchen, wenn sie etwas lernen wollen. Aber lasst mich ganz von vorne beginnen…

Zauberei, so wie wir sie heute kennen, ist für die meisten ein Hobby. Selbst Zauberklubs sind grundsätzlich eigentlich nicht für Profis da, sondern rein ein Zusammenschluss von Zauberbegeisterten. Und daran ist auch nichts auszusetzen. Ein großes Thema war natürlich immer schon die Frage, wer jetzt eigentlich wie gut ist. Und schon immer gab es die mäßig talentierten, die sich hier ein wenig überschätzen. Aber dies gehört zu unserer Szene wohl einfach dazu wie zu jeder anderen. Auch nicht schlimm ;-).

Neu ist allerdings, dass heutzutage jeder die Möglichkeit hat sich im Web einen großen Publikum zu präsentieren. Und wenn man geschickt ist, erreicht man damit sogar eine unglaubliche Anzahl Menschen. Dabei bedeutet geschickt nicht unbedingt ein guter, erfahrener Künstler zu sein. Viel mehr geht es um geschickten Umgang mit dem Medium. Und das mit dem Verrat von Trickgeheimnissen Publikum angelockt wird, dass wussten wir schon lange vor Youtube. Familienzeitschriften wie zum Beispiel Die Gartenlaube haben bereits um 1860 begonnen Geheimnisse preis zugeben. Vielleicht kennst Du auch noch den Magier mit der Maske, der Ende der 90er ausgestrahlt wurde. Und natürlich bleibt auch Youtube davon nicht verschont. 

Bis jetzt hat es der Zauberei auch nicht wirklich geschadet, wenn ein paar Geheimnisse veröffentlicht wurden. Sogar positive Effekte waren zu beobachten. Gab es doch immer auch ein paar mehr, die sich danach dafür interessierten, in die Shows gingen oder vielleicht selbst mit der Zauberei begonnen haben. Etwas anders schaut dies allerdings jetzt aus, denn ein komplett neuer Faktor kam dazu. Keiner hätte wohl jemals geglaubt, dass er mit der Gartenlaube oder vom Magier mit der Maske tatsächlich die Kunst der Zauberei erlernen kann. Gehört hier doch wesentlich mehr dazu, als ein paar Geheimnisse zu kennen.

Im Web wird heute allerdings genau das behauptet. Fing alles noch damit an, dass Tricks “revealed” wurden gibt es nun immer mehr junge Hobbyzauberer, die ernsthaft davon sprechen zaubern unterrichten zu können. Aus ein paar Videos in denen Geheimnisse verraten wurden, sind unzählige geworden. Manche Kanäle im deutschsprachigen Raum haben bereits 200.000 bis 300.000 Abonnenten. Und auf Webseiten wird damit geworben, man hätte die größte Zauberschule Deutschlands. Nun, der Anzahl Menschen nach, die sich all diese Videos ansehen stimmt das wohl. Aber ist das nun wirklich eine Schule? Ist es jungen Nachwuchskünstlern damit ernsthaft möglich ihren Werkzeugkasten zu füllen?

Im Geschäft habe ich jede Woche mehrfach mit dieser Frage zu tun. Und über die Jahre konnte ich die Entwicklung beobachten und mir nach und nach meine Eigene Meinung dazu bilden. Ich beobachte und begleite viele Kids, die gerade die ersten Schritte in die Zauberkunst bestreiten. Sowohl im Geschäft, so wie auch mittlerweile das vierte Jahr in meinen Zaubercamps. Dabei wird recht schnell klar, wo die Probleme bei Youtube liegen. Es beginnt damit, dass das riesige Angebot an “World best Cardtricks” die Kids einfach überfordert. Sie haben sich daran gewöhnt  etwas schnell zu konsumieren, kurz zu versuchen und sofort zum nächsten überzugehen. Immer wieder höre ich in den Camps Dinge wie: “Zuhause lerne ich fünf Kunststücke am Tag”. 

Und was ist nun das Ergebnis? Möglicherweise funktioniert das ganze ja großartig und wir haben bald hunderte neue Zauberer in Österreich die ihr Publikum begeistern! Immerhin ist das ja erst die letzten Jahre wie Schwammerl aus dem Boden geschossen und noch sind die meisten Einsteiger halt einfach recht jung. Um mir dazu ein Bild machen zu können, lasse ich mir seit einigen Jahren Tricks im Geschäft vorführen. Dabei sehe ich vom Einsteiger der erst vor einer Woche begonnen hat bis zu denen, die bereits seit Monaten dahinter sind unterschiedlichste Kids in verschiedensten Altersstufen. Und es brauchte bisher immer nur wenige Sekunden um die zu erkennen, die es bisher nur mit Youtube versucht haben. Es ist die überwiegende Mehrheit. Und es sind meist die gleichen Kartentricks die mir gezeigt werden. Mäßig bis schlecht. Nicht weil die Kids untalentiert sind! Sie hatten einfach nur schlechte Anleitung. Und daraus ensteht einfach nichts. Dazu kommt, dass sie gleich zu Beginn versuchen zusätzlich mit Griffen einzusteigen, die sie schlicht überfordern. Ein 8 jähriger, der damit beginnen möchte eine Karte mit einer Volte zu kontrollieren um sie danach abzupalmieren macht es sich nun mal nicht unbedingt leicht. Sieht man das regelmäßig in der Häufigkeit wie ich über mehrere Jahre, kann man eines festhalten: Die großen Youtube Zauberschulen bringen keine Zauberer hervor. Ihre “Schüler” lernen damit eindeutig nicht zaubern.

Alleine die Erkenntnis hilft aber leider nicht weiter. Denn auch wenn ich viele bei mir sehe und versuchen kann hier ein wenig in eine andere Richtung zu lenken, die meisten werde ich nicht sehen. Genauso wie die mäßig begabten, aber sich selbst überschätzenden Zauberkünstler, die wir aus den Klubs kennen, finden auch die Jungen heute ihr Publikum. Dazu gehören natürlich zuerst mal die Eltern, wie ich sie auch regelmäßig kennen lerne. Wie auch immer das Ergebnis ist, alle sind sie von den neuen Fähigkeiten ihrer Kinder begeistert. Wäre auch schlimm, wenn es anders wäre ;-). Und es wird schon ein paar Freunde geben, die es lustig finden, was man da macht. Und solange eine positive Feedback-Schleife besteht, geht das munter so weiter. Man könnte meinen, ist doch alles in Ordnung, oder?

Kann man so sehen. Jeder von uns, kennt doch den Opa im Kaffeehaus, der eine Münzen am Ellbogen reibt bis sie verschwindet. Alle finden es lustig und haben ihren Spaß. Schlecht? Nein, natürlich nicht. Auch zaubern spielen kann lustig sein. Und mit ein paar amüsanten Puzzles kann man eine Runde schon mal verblüffen ohne der große Zauberer sein zu müssen. Meine Erfahrung hat mir allerdings gezeigt, dass es bei vielen Kids nicht das ist was sie wollen. Sie verbringen unzählige Stunden damit und Shim Lim, oder die Ehrlich Brothers sind ihre Vorbilder. Sie möchten eigentlich  tatsächlich zaubern lernen und sind auch bereit dafür Zeit zu investieren.

Es ist eine große Chance für die Zauberszene, hier viele neue Begeisterte Zauberkünstler von morgen zu bekommen. Man braucht sie eigentlich nur dort abholen, wo sie sind. Und wenn das bedeutet, Erklärungen auf Youtube online zu stellen, vielleicht sollte man genau das tun!…

Wenn Du zu den älteren Lesern meines Blogs gehörst, hoffe ich, Du hast Dich gerade vom Schock der Aussage im letzten Absatz erholt ;-). Mir ist bewusst, dass bei vielen die Alarmglocken läuten, wenn sie so etwas hören. Aber ich möchte kurz ein paar Fakten zusammenfassen. Gebe ich in Google “zaubern lernen” ein, bekomme ich derzeit 3.300.000 Treffer. Viele führen zu Zauberschulen, Kursen und Ähnlichen. Unzählige aber auch zu offenen Seiten und Videoclips. Eine Maße an schlechten Erklärungen hat das Internet bereits geflutet und täglich werden es mehr. Und wer das Spiel mal auf englisch spielt, kommt noch auf ganz andere Trefferzahlen. Kurz, eine riesige Anzahl an Trickgeheimnissen ist online, wenn auch schlecht erklärt. Die Frage ist, schadet es nun, wenn man hier mit guten Erklärungen kontert?

Jeder, der sich im Internet mit zum Beispiel Kartenzauberei beschäftigt, wird in wenigen Minuten über einen Double Lift stoßen und danach wissen, dass es so etwas gibt. Unabhängig, ob die Anleitung gut oder schlecht ist. Ist sie Anleitung allerdings schlecht, wird er das Geheimnis vielen seiner darauf folgenden Darbietungen sichtbar machen. Das kann nicht im Sinne der Zauberszene sein. Gegen die schlechte Anleitung wird man nichts tun können, diese wird online bleiben. Aber man kann bessere Alternativen bieten.

Aber wissen dann nicht alle Menschen alle Tricks und man kann nirgendwo mehr was vorführen? Nein, natürlich nicht. Nur wer wirklich interessiert ist, wird dies auch konsumieren. Und wer zufällig drüber stolpert, wird es wieder vergessen. Genauso wie die Menschen die den Magier mit der Maske gesehen haben und bald darauf schon kein einziges Geheimnis mehr wussten. Mit Sicherheit ging es sogar den Menschen vor über hundert Jahren schon nicht anders, nachdem sie die Gartenlaube durchgeblättert hatten ;-).

Würden sich einige gute Künstler und/oder Klubs zusammenschließen und so ein Projekt beginnen, wäre das eine unglaubliche Chance für die Zukunft? Natürlich muss hier nicht alles öffentlich und kostenlos sein. Aber ein guter Einstieg, eine gute Struktur für Grundlagen um hier einen Ansporn in die richtige Richtung weiterzuarbeiten, das wäre es, oder?! Um danach auf Literatur zu verweisen. Oder auf tatsächlich gute Onlineprojekte, wie zum Beispiel die 52 Freunde, die interaktive Zauberschule von Jan Logemann. Oder in die Zauberakademie. Oder um danach direkt in die Klubs zu führen. Denn es gibt eine Besonderheit der Zauberkunst – kein Medium kommt hier nur Ansatzweise an das Live-Erlebnis ran!

Ich stelle mir vor, wie ich in Zukunft einen Neuling im Geschäft habe, dem ich eine Liste mit Links gebe um die ersten Grundlagen zu lernen. Oder den ersten, der ins Geschäft kommt und die Chance genutzt hat von neu entstandenen guten  Tutorials zu lernen und mir seine ersten guten Tricks vorführt. Wir hätten es jetzt in der Hand, dies wahr werden zu lassen. Worauf warten wir? 🙂

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