Oaschloch, Attentäter, Mensch.

Schleich di du Oaschloch“, ein Satz den man in Österreich, vor allem in Wien, schon mal zu hören bekommt. Seit einigen Tagen allerdings Milieu übergreifend und in einer nie dagewesenen Quantität. Man findet ihn fettgedruckt in Zeitungen, in Profilen, Bildern und Hashtags der sozialen Netzwerken eingebunden, ja sogar die ersten T-Shirts scheint es schon am Markt zu geben. Ein Ausruf, der zum Ventil wurde. Angst, Wut und Trauer nach dem unfassbaren Vorfall am Montag in Wien mussten wie heiße Luft in einem Druckkochtopf irgendwo entweichen. Und sie müssen es immer noch. 

Wien ist die Stadt in der ich meinen kleinen Zauberladen seit fast acht Jahren betreibe. Wien ist die Stadt in der ich aufgewachsen bin. Der Schwedenplatz, der Schauplatz des blutigen Attentates, ist ein Ort, an dem ich vor allem in meiner Jugend viel Zeit abends verbracht habe. Schon in dem Moment, an dem ich von den ersten Schüssen gelesen habe drückt der Satz mit Sicherheit auch das aus, was ich zu diesem Zeitpunkt gefühlt habe. Mittlerweile weis ich, dass es aus meinen Bekanntengreis Menschen gab, die an diesem Abend direkt vor Ort waren. Sie mussten in Lokalen abwarten bis die Situation vorbei war und es ist für mich nicht mal im Ansatz vorstellbar, welche Angst sie dabei gehabt haben müssen. Wie ich davon erfahren habe, kamen wieder die Gefühle auf, die in den Anfangs erwähnten vier Worten so treffend zusammengefasst wurden. Und als ob das nicht genug wäre, gibt es im Bekanntengreis sogar Menschen, die Opfer gekannt haben. Man merkt plötzlich, wie nahe man an dem Geschehenen auf gewisse Weise war. Und da ist es wieder, das Potpourri an Gefühlen und man würde am liebsten das Fenster öffnen und diese neoprominenten vier Worte in die Welt hinaus schreien. Es ist menschlich und gerade weil ich es auch selber gespürt habe, kann ich dieses Empfinden bei jedem nachvollziehen.

Jetzt, wo ein paar Tage vergangen sind, kommt jedoch noch ein anderes Gefühl in mir hoch. Eines, das mich ein wenig ratlos lässt. Jetzt sprechen wir beim Attentäter vom Oaschloch. Wir haben ihm seinen Namen genommen und einen neuen verpasst. Ein Symbol unserer Verachtung. Ein kleines Stück Rache, das wir unmittelbar alle an ihm üben können. Es hilft uns Trauer zu unterdrücken, Wut zu kanalisieren und Angst zu bekämpfen. Ein Polizist hat ihn erschossen, aber so haben wir als Gesellschaft nochmal die Möglichkeit zumindest Symbolisch an seiner Zerstörung teilzunehmen. Und das bringt mich zu einer anderen Frage. Was, oder besser gesagt wen zerstören wir hier eigentlich?

Kein Mensch wird als Oaschloch, oder gar als Attentäter geboren. Was ist es, was Menschen dazu bringt sich in so eine Richtung zu entwickeln? Und vor allem, warum passiert dies hier in Österreich? In den Medien und der Politik wird zur Zeit vor allem davon gesprochen, wie am besten mit Terrorverdächtigen umgegangen werden soll. Wie lange soll man sie wegsperren können, oder auch wie engmaschig sollen sie überwacht werden? So gut wie nicht wird darüber diskutiert, was geschehen muss, damit junge Menschen nicht eine derartige Metamorphose durchmachen. Ich halte diese Fragen hier für mindestens genauso wichtig um für eine bestmögliche Prävention für die Zukunft zu sorgen. Am Ende steht der Attentäter und seine blutige Tat. Aber irgendwann gab es auch einen Anfang, wo ein Mensch selbst ohne es zu merken Opfer wurde und in die Fänge von unserer Gesellschaft feindlich gegenüberstehenden Kräften geraten ist.

Ich habe keine Antwort auf die Frage. Aber ich denke man kann einige Annahmen machen, die mehr oder weniger auf der Hand liegen. In der Regel sind es wohl kaum die Jugendlichen aus den Wiener Nobelbezirken, mit allen erdenklichen Freiheiten, Chancen und Ressourcen, die sich radikalisieren lassen. Es sind die sozial schlechter gestellten, mit weniger Bildungschancen, mit weniger Möglichkeiten und schlechteren Zukunftsaussichten die sich potenziell eher von islamistischen oder ähnlichen Gedankengut infizieren lassen. Es sind die, die sich von unserer Gesellschaft nicht wahrgenommen, oder auch ausgeschlossen fühlen. Das ist natürlich eine vereinfachte Darstellung. Und keinesfalls ist es eine Rechtfertigung für das Geschehene. Aber es ist eine Annahme die zeigt, dass auch wir als Zivilgesellschaft etwas tun können um das Risiko für derartige Taten zu minimieren. 

Jetzt wird vor allem über die jungen Menschen gesprochen, die bereits mehr oder weniger radikalisiert wurden. Vor allem politisch wird überlegt, wie man unsere Gesellschaft besser vor ihnen schützen kann. Aber es gibt wesentlich mehr Jugendliche, oder auch junge Erwachsene, die zwar noch keinen Kontakt zu radikalen Kräften hatten, aber viele Risikofaktoren aufweisen für diese empfänglich zu sein. Und man kann davon ausgehen, dass vor allem sie die momentane Berichterstattung sehr aufmerksam verfolgen. Eine breite öffentliche Diskussion, wie man sie verstärkt zum Teil unserer Gesellschaft zu macht und damit letztendlich auch an unsere Werte bindet wäre gerade jetzt ein wichtiges Signal für sie. Ein Zeichen dafür, dass wir nicht wollen, dass auch nur ein einziger mehr zum Oaschloch wird und wir ihnen eine Alternative bieten können. Eine bessere Welt, eine bessere Zukunft.

Die Trickbox sitzt ist im 10ten Weiner Gemeindebezirk. Ein Hotspot, wie man hier so schön sagt. Erst vor kurzem kam es hier zu einem Vorfall, wo Jugendliche mit Migrationshintergrund in einer Kirche randalierten, nur wenige Schritte vom Laden entfernt. Ein Ereignis, das verständlicherweise große Empörung ausgelöst hat. Andererseits reiht es sich aber nahtlos in eines von vielen Ereignissen der letzten Jahre ein, die dazu geführt haben, dass die Gegen den eher weniger rumreichen Titel Hotspot von manch Medien und Politiker verliehen bekommen hat. In den fast 8 Jahren, die ich das Geschäft betreibe konnte ich eine große Anzahl Kinder und Jugendliche kennen lernen. Darunter auch viele, die im näheren Umkreis wohnen und aus Neugier einmal im Geschäft vorbei geschaut haben. Sie gehören tendenziell eher zu denen, die am sogenannten Rand unserer Gesellschaft angesiedelt sind. Vor zwei Jahren hatte ich zusätzlich die Möglichkeit ein Jugendzentrum um die Ecke besuchen zu können und dort einen magischen Abend zu installieren (mehr drüber findest du hier). Auf der anderen Seite des Spektrums der jungen Besucher im Geschäft gibt es die Kids & Teens, bei denen man merkt, dass dahinter Eltern, Verwandte und Bekannte stehen, die diese fördern. Sie reisen auch schon mal von weit her, können sich auch durchaus teurere Tricks, Literatur und Zubehör leisten, besuchen meine Zaubercamps, oder auch meine Seminare und Kurse in der Trickbox. Was all die jungen Menschen vereint, ist das Interesse für Zauberkunst.

Eine starke Verwurzelung von Kindern und Jugendlichen in unsere Gesellschaft und damit mit den Werten, die uns ausmachen spielt sich auf vielen verschiedenen Ebenen ab. Eine wichtige Funktion dabei übernehmen Vereine.  Hier finden Menschen Anschluss zu anderen Menschen, mit denen sie ihre Interessen und Hobbys teilen. Sport, Kultur und Freizeitgestaltung hat so gesehen immer auch eine soziale Dimension. Hier können Orte geschaffen werden, an denen sich Menschen mit Wertschätzung begegnen, sich kennen lernen, fördern und unterstützen. Und das weit über den eigentlichen Vereinszweck hinaus. Hier können Menschen Anerkennung erfahren, die sie sonst möglicherweise nicht so hätten. Es ist nur ein Puzzlestein von vielen, aber gleichzeitig auch ein wichtiger wenn es um das Thema Gewaltprävention geht.

Dabei macht es auch keinen Unterschied, ob es sich um einen Fußballklub, oder einen Zauberverein handelt. Umso integrativer solche Strukturen aufgestellt sind, umso besser können sie einen wichtigen Beitrag für uns alle leisten. Wenn all der Zorn, die Wut, die Trauer und die Angst wieder verflogen ist, wenn der letzte Zeitungsbericht darüber schon ein wenig zurück liegt und auch das letzte Oaschloch Bild von den Profilbildern auf Facebook verschwunden ist, dann wäre es aus meiner Sicht gut darüber nachzudenken wie wir in unserem gemeinsamen Mikrokosmos die Zukunft gestalten wollen. Gerade in der Zauberszene denke ich, gäbe es noch viel Potenzial. Vielleicht gibt es ja einen Weg, die Türen unserer Klubs ein wenig weiter zu öffnen. Möglicherweise gibt es Ideen hier neue, spannende Angebote zu schaffen. Anreize für die vielen jungen Menschen, die ich in den letzten Jahren im Geschäft zum Teil kennen lernen durfte, sich an einer größeren, gemeinsamen Sache zu beteiligen. Und vielleicht können wir so auch einen kleinen, aber wichtigen Beitrag für unser aller Zusammenleben leisten. 

Mein Beileid, den Hinterbliebenen der Opfer. Meine besten Genesungswünsche an die physisch, oder auch psychisch Verletzten.

Ein Gedanke zu „Oaschloch, Attentäter, Mensch.

  • 8.11.2020 um 03:34
    Permalink

    Lieber Gregor!

    Danke für Deine Worte! Ich hoffe, dass sie zu vielen durchdringen werden. Danke für Dein Engagement und Deinen Optimismus. Ich denke auch, dass wir gemeinsam eine schöne Welt schaffen können, wenn wir das Übel, wo auch immer, an der Wurzel packen und beseitigen.
    Alles Gute für Deinen Laden und Deine Zukunft!
    Ein Zauberfreund,
    Thomas

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