Über Klappblumen, Glitzerfolie und die Zukunft

Kommen junge Nachwuchszauberer zum ersten mal in die Trickbox stelle ich meist die selben Fragen. Ich möchte erfahren wofür sie sich interessieren und was ihr Zugang zur Zauberei ist. Ich frage nach welche Kunststücke sie gut finden und welche Zauberkünstler sie kennen. In der Regel bekomme ich immer die selben Antworten.

Und nicht nur das. Um mir ein besseres Bild machen zu können, lasse ich mir gerne auch mal Zaubertricks vorführen. Nicht nur, dass ich zu 99% immer Kartentricks sehe, meistens sind es die gleichen. Und da die Anleitungen meist aus den selben, zaubertechnisch nicht besonders guten Youtube-Tutorials kommen sieht auch das Ergebnis immer ähnlich aus. 

Was sie alle gemeinsam haben, ist ein eher unflexibles Bild was Zauberei ist und wie sie auszusehen hat. Das ist allerdings kein neues Phänomen. Wenn Du schon länger zauberst, hast Du vielleicht schon mal Ratschläge gehört wie: “Zu jedem Trick muss man sich eine Geschichte einfallen lassen”. Beliebt ist auch zum Beispiel die Annahmen, Glitzerfolie hätte bei moderner Zauberei auf keinem Requisit was verloren, oder alle Requisiten müssen wie Alltagsgegenstände aussehen. 

Die Zauberszene ist voll mit solch Dogmen. Und war die Idee der ersten, die plötzlich in T-Shirt vor Publikum standen, diese aufzubrechen, wurden letztendlich nur wieder neue geschaffen. Für mich einer der Hauptursachen, weshalb die Zauberklubs sich nach und nach mit dem Durchschnittsalter Richtung Methusalem bewegen, während es hunderte von zauberbegeisterten Jungen um die Ecke geben würde. Die Vorstellung über Zauberei ist einfach weit auseinander.

Die Jungen sind hier gefangen in ihrer eigenen Welt. Sie kenne das, was ihnen Youtube & Co. vorschlägt. Ihnen ist nicht bewusst, welch große Artenvielfalt es bei Zauberkünstlern gibt. Genauso wie es in der Musik von der Volksmusik, über die Klassik und die Rockmusik bis zu den tibetischen Mönchsgesängen unzählige Spielvarianten gibt, so gibt es ebenso viele in der Zauberei. Vom coolen Kartenzauberer, über den mytischen Gedankenleser, dem lustigen Straßenzauberer, dem magischen  Manipulatur, bis zum Zauberclown für Kinder gibt es unzählige Kategorien. Mal cool angezogen, mal im Frack, mal bunt, ein anderes mal im Kostüm. Manche sprechend, manche stumm, der eine ernst, der andere lustig. Jeder davon hat seine Berechtigung, hat sein Publikum und benötigt die für ihn passenden Requisiten.

Trifft ein junger Mensch zum ersten mal auf einen Klub dauert es keine zwei Sekunden und schon bekommt er genau erklärt, wie Zauberei denn auszusehen hat. Der Streetmagic und Cardistry begeisterte Shim Lim Fan wird aber keine Lust haben sich zu seinen Kartentricks ein schönes Märchen zu überlegen. Und schon gar nicht wird es ihm einfallen, sich an einen selbstauferlegten Dresscode zu halten. Das bedeutet aber nicht, dass es ihn nicht grundsätzlich interessiert!

Ein Zusammenwachsen der, überspitzt formuliert, alten und neuen Generation, kann nur funktionieren, wenn man sich gegenseitig dafür interessiert, was der andere macht. Zauberklubs haben aus meiner Sicht den Auftrag dem gegenüber offen zu sein und so als gutes Beispiel voran zu gehen. Das bedeutet natürlich nicht, dass sich nun alle ein Youtube-Cardistry Tutorial nach dem anderen reinziehen müssen. Im Gegenteil! Packt die Klappblumen und Glitzerfolie aus! Traut auch die alten, zu “verstaubten” deklarierten Kunststücke wieder razszuholen, wenn sie Euch und Euren Zusehern Freude bereitet haben. Aus meiner Sicht ist für eine gute Vorführung die Leidenschaft 100 mal wichtiger als die Requisiten!

Man kann sich ruhig trauen, die Shows auch dementsprechend anzukündigen, wenn es passt. Wie wäre es mit: “Der magische Abend der Zaubersenioren – Wunder aus einem halben Jahrhundert!“? Ich denke, das hohe Durchschnittsalter der klassischen Klubszene bietet viel an Potential in solch eine Richtung. Ich kann mir gut vorstellen, dass so wesentlich authentischere Events entstehen, die möglicherweise auch wieder mehr Spaß machen würden. Und Aktivität ist aus meiner Sicht sowieso die Nummer 1. Voraussetzung, dass  die Zauberszene nicht ausstirbt. 

Und wenn es authentisch ist, ist es auch für junge Nachwuchskünstler interessant. Und wenn man sich dann noch dafür interessiert was sie machen, ohne sie dabei ändern zu wollen, zu ihren Veranstaltungen geht, oder vielleicht sogar Events organisiert wo sie sich und ihre Form der Zauberei präsentieren können, dann besteht eine Chance. Dann ist es absolut denkbar, dass wieder viele Junge in die Klubs kommen und die Zauberszene vielleicht bald um eine Kategorie reicher wird. 

Ein paar Ideen, wie für mich eine Veranstaltung aussieht, die Potenzial hat auch jüngere anzuziehen, habe ich vor Kurzem hier zusammengefasst.

So dann, let’s get together! 🙂

 

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

WhatsApp chat